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„Cooles Köln“: Wie wir die Domstadt zur resilienten Modellkommune für Deutschland machen
Zusammenfassung |
Wenn ich mit Unternehmen, Kommunen oder Infrastrukturbetreibern über Klimarisiken spreche, zeigt sich immer wieder dasselbe Muster: Die Gefahr ist grundsätzlich bekannt. Schwieriger ist die Frage, wo sie konkret am größten ist, welche Folgen daraus resultieren und welche Maßnahmen zuerst umzusetzen sind.
Genau an diesem Punkt setzt das Projekt „Cooles Nordrhein-Westfalen“ an. Das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen, die Stadt Köln und die Zurich Gruppe Deutschland bringen dafür ihre jeweiligen Perspektiven zusammen. Eine solche Verbindung aus einem für Stadtentwicklung zuständigen Ministerium, dem Praxiswissen einer Kommune und der Risikoexpertise eines international tätigen Versicherers hat es in Deutschland bisher nicht gegeben. Köln wird dabei zur ersten Modellkommune dieser Initiative. Aus vorhandenen Daten soll ein umsetzbarer Investitionsfahrplan entstehen, der besonders belastete Standorte sichtbar macht, Maßnahmen priorisiert und später auch auf weitere Kommunen übertragbar sein soll.
Aus meiner Sicht ist das ein wichtiger Schritt, denn Klimaresilienz entscheidet sich nicht allein daran, ob Risiken beschrieben werden. Sie entscheidet sich daran, ob aus Wissen konkrete Vorsorge wird.
Hitze ist kein vorübergehendes Komfortproblem
Der Sommer 2026 hat erneut gezeigt, wie stark Hitze, Dürre und Unwetter unseren Alltag prägen können. Nach der vorläufigen Bilanz des Deutschen Wetterdienstes war er mit einer Durchschnittstemperatur von 19,6°C der zweitwärmste Sommer seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Im Deutschlandmittel wurden rund 22 heiße Tage mit mindestens 30°C und etwa fünf sehr heiße Tage mit mindestens 35°C erfasst.
Für Städte ist Hitze besonders problematisch. Dicht bebaute Gebiete, versiegelte Flächen und Gebäude speichern Wärme. Gleichzeitig treffen hohe Temperaturen auf eine große Zahl von Menschen, auf Schulen und Kindertagesstätten, Pflege- und Gesundheitseinrichtungen, Verkehrssysteme und stark genutzte öffentliche Räume. Damit wird Hitze von einer Wetterlage zu einem Risiko für Gesundheit, Infrastruktur und die Funktionsfähigkeit des städtischen Lebens.
Klimaresiliente Stadtentwicklung ist deshalb keine zusätzliche Aufgabe, die sich irgendwann nachholen lässt. Sie muss in Planung, Sanierung und Investitionsentscheidungen von Anfang an mitgedacht werden.
Was „Cooles Nordrhein-Westfalen“ anders macht
Viele Kommunen verfügen bereits über Klima-, Umwelt- und Standortdaten. Die Herausforderung liegt häufig nicht im Mangel an Informationen, sondern in ihrer Übersetzung in eine klare Entscheidungslogik. Wo ist die Hitzebelastung besonders hoch? Wo trifft sie auf vulnerable Bevölkerungsgruppen oder wichtige öffentliche Funktionen? Welche Schutzmaßnahmen sind bereits vorhanden? Und wo lässt sich mit vertretbarem Aufwand die größte Wirkung erzielen?
Im Kölner Modell sollen bis zu 25 priorisierte Standorte vor Ort untersucht werden. Im Fokus stehen Orte, an denen hohe Hitzebelastung auf besondere Schutzbedürftigkeit oder wichtige kommunale Funktionen trifft. Bewertet werden unter anderem Verschattung, Versiegelung, Gebäudebelastung, Aufenthaltsqualität und bereits bestehende Schutzmaßnahmen.
Der Ansatz folgt derselben Methodik, die Zurich Risiko-Ingenieurinnen und Risiko-Ingenieure weltweit bei Industrieunternehmen, kritischen Infrastrukturen und öffentlichen Einrichtungen anwenden. Dabei werden Gefährdung, Exponierung, Verwundbarkeit und bestehende Schutzmaßnahmen gemeinsam betrachtet. So entsteht eine belastbare Grundlage, um Investitionen nicht nach Bauchgefühl, sondern nach Risikorelevanz zu priorisieren.: Zuerst wird die Gefahr betrachtet. Danach folgt die Frage, was an einem Standort besonders betroffen oder kritisch ist. Anschließend werden vorhandene Schutzmaßnahmen einbezogen. Erst aus diesem Zusammenspiel entsteht ein belastbares Risikobild und damit eine Grundlage für priorisierte Maßnahmen.
Warum wir bei der Klimafolgeanpassung gebraucht werden
Versicherungen haben bei der Klimafolgeanpassung eine besondere Rolle, weil sie Risiken nicht nur beobachten, sondern seit Jahrzehnten systematisch bewerten, um potenzielle zukünftige Schäden frühzeitig zu erkennen und durch die Entwicklung geeigneter Schutzmaßnahmen ebendiese Schäden zu verhindern. Bei Zurich verbinden wir die Erfahrung aus der Absicherung und Analyse tausender Standorte weltweit mit dem Know-how von rund 1.000 Risiko-Ingenieurinnen und Risiko-Ingenieuren. Diese Kombination ermöglicht es uns, Klimarisiken nicht nur zu kartieren, sondern deren tatsächliche Auswirkungen auf Menschen, Gebäude, Infrastruktur und den Betrieb kritischer Einrichtungen zu bewerten.
Genau diese risikobasierte Perspektive unterscheidet unseren Ansatz von klassischen Klima- oder Stadtentwicklungsstudien. Wir betrachten nicht nur, wo Hitze entsteht, sondern wo daraus ein relevanter Schaden oder eine Beeinträchtigung entstehen kann und welche Maßnahmen den größten Nutzen erzielen.
Gerade darin liegt der besondere Wert dieser in Deutschland erstmals durchgeführten Art von Zusammenarbeit im Projekt „Cooles Nordrhein-Westfalen“: Das Ministerium bringt den politischen und stadtentwicklungspolitischen Rahmen ein, die Stadt Köln verfügt über lokales Praxiswissen und Erhebungen, und Zurich ergänzt beides um eine risikobasierte Perspektive. Keine Seite könnte diese Aufgabe allein in derselben Tiefe lösen. Erst die Verbindung der Kompetenzen schafft eine belastbare Brücke von Klimadaten über die Bewertung einzelner Standorte bis zu konkreten Schutzmaßnahmen.
Vom Wärmebild zur Maßnahmenpriorisierung
Eine Wärmebildkarte allein macht noch keine Stadt resilient. Entscheidend ist, welche Konsequenzen daraus gezogen werden. Genau deshalb endet „Cooles Nordrhein-Westfalen“ nicht bei der Identifikation von Hitze-Hotspots. Der eigentliche Mehrwert entsteht durch die systematische Untersuchung der ausgewählten Standorte und die Entwicklung konkreter, umsetzbarer Maßnahmen.
Mögliche Maßnahmen sind vielfach bekannt. Dazu gehören Verschattung, zusätzliche Bäume und Grünflächen, Entsiegelung, wasserdurchlässige Oberflächen, begrünte Dächer sowie ein intelligenter Umgang mit Wasser. Die entscheidende Frage lautet aber nicht, ob eine Maßnahme grundsätzlich sinnvoll ist. Entscheidend ist, an welchem Standort sie mit welcher Intensität welche Schutzwirkung entfalten kann, wie umsetzbar sie ist und ob sie über das gesamte Jahr robust funktioniert.
Dabei hilft eine einfache Kühlkaskade: Wärmeeintrag möglichst früh vermeiden, Hitze vom Gebäude fernhalten, verbleibende Wärme passiv abführen und nur den unvermeidbaren Restbedarf aktiv kühlen. Resiliente Stadtentwicklung beginnt also nicht beim Klimagerät. Sie beginnt im Stadtraum.
Mit diesem Vorgehen werden Daten nicht als Endpunkt verstanden, sondern als Ausgangspunkt für konkrete Verbesserungen im Stadtraum.
Internationale Erfahrung, kommunal nutzbar gemacht
Nordrhein-Westfalen kann dabei auf Ansätze zurückgreifen, die international bereits erprobt werden. Zurich arbeitet unter anderem mit dem Madrid City Council daran, die Widerstandsfähigkeit gegen extreme Hitze zu stärken. Im London Borough of Camden werden kommunale Klimarisiken detailliert bewertet. Weltweit bringen die Zurich Risiko-Ingenieurinnen und -Ingenieure sowie Klima- und Nachhaltigkeitsexpertinnen und -experten ihre Erfahrung in solche Fragestellungen ein.
Madrid zeigt, dass auch vertraut wirkende Maßnahmen einen messbaren Unterschied machen können. Die Umwandlung versiegelter Flächen in Grünanlagen und Parks, Brunnen und Wasserläufe, zusätzliche Bäume und die Beschattung von Gehwegen haben die Temperaturen an einzelnen Hitze-Hotspots um bis zu 4,5 Grad gesenkt. Der entscheidende Mehrwert liegt jedoch nicht darin, Lösungen aus anderen Städten zu kopieren. Vielmehr können wir Erkenntnisse darüber nutzen, welche Maßnahmen unter welchen Rahmenbedingungen tatsächlich wirksam sind und wie begrenzte Investitionsmittel möglichst effizient eingesetzt werden.
Resilienz entsteht vor der nächsten Hitzewelle
Eine Beobachtung zieht sich durch viele Projekte, die wir begleiten: Die größten Schäden entstehen häufig nicht durch unbekannte Risiken, sondern durch bekannte Risiken, auf die niemand ausreichend vorbereitet war. Das gilt für Unternehmen ebenso wie für Städte.
„Cooles Nordrhein-Westfalen“ kann zeigen, wie sich dieser Kreislauf durchbrechen lässt. Der Wert des Projekts liegt für mich in der deutschlandweit bislang einmaligen Verbindung von Ministerium, Kommune und Versicherung. Sie führt politische Gestaltungsmöglichkeiten, lokales Praxiswissen, Daten und ingenieurwissenschaftliche Risikobetrachtung zusammen. Wenn das gelingt, entsteht mehr als ein kommunales Pilotprojekt. Es entsteht ein übertragbarer Ansatz, wie Klimarisiken systematisch bewertet, priorisiert und in konkrete Investitionsentscheidungen übersetzt werden können. Genau darin sehen wir als Risiko-Ingenieure unseren Beitrag: Risiken transparent machen, Handlungsoptionen bewerten und Resilienz dort stärken, wo sie den größten Nutzen entfaltet.
Wetter lässt sich nicht planen - Städte schon. Klimaresilienz beginnt deshalb lange vor der nächsten Hitzewelle: mit einem gemeinsamen Risikoverständnis, klaren Prioritäten und dem Mut, bekannte Lösungen konsequent umzusetzen.