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Blog-Beitrag: Resilienz ist die neue Grundlast: Warum wir Deutschlands Energiewende gegen Extremwetter absichern müssen
Die Energiewende ist mehr als ein Klimaprojekt. Sie ist eine strategische Notwendigkeit für Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit und Versorgungssicherheit – in Deutschland und in Europa. Aber sie funktioniert nur, wenn unsere Energieanlagen auch stürmische Zeiten aushalten.
Genau hier setzt unser aktueller Report „Safeguarding Our Energy Future“ an. Er zeigt: Viele erneuerbare Energieanlagen in Europa – und besonders auch in Deutschland – sind heute schon deutlich stärker durch extreme Wetterereignisse gefährdet, als es oft angenommen wird.
Erneuerbare Energiequellen wachsen – und werden angreifbarer
Bis 2030 wird rund zwei Drittel des Stroms in Europa aus erneuerbaren Quellen kommen. Vor allem Solar- und Windenergie wachsen stark. Gleichzeitig nehmen Starkregen, Stürme, Hitze und Hagel spürbar zu. Das ist eine problematische Kombination.
Unsere Analyse von über 25.000 Energieanlagen in fünf europäischen Ländern – darunter Deutschland – zeigt:
- 46 Prozent der erneuerbaren Stromerzeugung fallen bereits bis 2030 in hohe oder sehr hohe Risikoklassen.
- Bei Stromspeichern ist die Lage noch kritischer: über 80 Prozent gelten als stark gefährdet.
- Solaranlagen sind besonders betroffen und machen 58 Prozent der risikoreichsten erneuerbaren Kapazitäten aus.
- Ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen könnten sich die wetterbedingten Schäden an Energieanlagen bis 2050 auf über 270 Milliarden Euro summieren.
Kurz gesagt: Die Anlagen, auf die wir künftig am meisten angewiesen sind, stehen oft dort, wo das Wetter ihnen besonders zusetzt.
Was bedeutet das konkret für Deutschland?
Für Deutschland sehen wir vor allem drei zentrale Herausforderungen:
- Hagel und starke Winde setzen Solaranlagen immer häufiger zu. Schon einzelne Ereignisse können große Flächen außer Betrieb setzen.
- Stürme können Windräder beschädigen oder zeitweise stilllegen – etwa durch defekte Rotorblätter, die ganze Parks lahmlegen.
- Wasserknappheit und Hochwasser belasten Wasserkraft und Pumpspeicher, die für Netzstabilität besonders wichtig sind.
Das ist kein Zukunftsszenario – das passiert bereits heute. Und mit dem weiteren Ausbau erneuerbarer Energien wächst auch das Risiko, dass mehrere Anlagen gleichzeitig betroffen sind. Die Folgen spüren wir dann schnell in der Versorgungssicherheit.
Die aktuelle energiepolitische Debatte zeigt zudem, dass Resilienz nicht nur eine technische Frage ist, sondern auch stark von strategischen politischen Entscheidungen beeinflusst wird. Erst kürzlich bezeichnete EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Abkehr von der Atomkraft als „strategischen Fehler“ und verwies darauf, dass Europa damit einer zuverlässigen, bezahlbaren und emissionsarmen Energiequelle den Rücken gekehrt habe. Sie betonte, dass der Anteil der Kernenergie am europäischen Strommix seit 1990 von rund einem Drittel auf nur noch etwa 15 Prozent gefallen sei – mit klaren Auswirkungen auf Versorgungssicherheit und Strompreise.
Damit rückt ein weiterer Risikofaktor in den Fokus: die Belastbarkeit eines Energiesystems, das in kurzer Zeit sowohl fossile als auch nukleare Kapazitäten ersetzt, ohne dass ausreichend gesicherte und wetterunabhängige Alternativen verfügbar sind. Die aktuelle Diskussion macht deutlich, wie eng politische Weichenstellungen und physische Resilienz zusammenhängen – und wie wichtig es ist, erneuerbare Energien nicht nur auszubauen, sondern ihr Risikoprofil im Gesamtsystem realistisch zu bewerten und abzusichern.
Ein Blick aus der Praxis
Als Risikoingenieure beobachten wir regelmäßig witterungsbedingte Schäden, beispielsweise an Stromspeichern. Was mich dabei immer wieder überrascht: Nicht das Extremereignis an sich ist das größte Problem – sondern die unzureichende Vorbereitung.
Oft ließen sich Schäden deutlich begrenzen, wenn Standorte genauer geprüft würden, Anlagen robuster ausgelegt wären und klare Abläufe für den Ernstfall existierten.
Die gute Nachricht: Das alles ist machbar. Und es ist deutlich günstiger, Risiken frühzeitig zu reduzieren, als später Schäden zu reparieren, ganz abgesehen vom Ausfall der Produktion und damit der Sicherstellung der Versorgung.
Resilienz lohnt sich
Die Energiewende entscheidet sich nicht allein am schnellen Ausbau neuer Anlagen. Sie entscheidet sich daran, wie gut diese Anlagen mit Extremwetterereignissen umgehen können.
Unser Report zeigt: Mit gezielten Maßnahmen lassen sich bis zu 50 Prozent der möglichen Schäden vermeiden. Das schützt nicht nur Anlagen, sondern auch Investitionen, Versorgungssicherheit – und letztlich das Vertrauen in die Energiewende.
Für mich ist klar: Resilienz ist bei der Energiewende die neue Grundlast.
Sie darf kein Zusatzthema sein, sondern muss von Anfang an mitgedacht werden – bei Planung, Bau und Betrieb.
Blog-Beitrag von Paulos Asbe, Risk Engineer und Head of Zurich Resilience Solutions Germany